Presse / Filmkritik

Tübinger Blätter (Ausgabe 01/2010)

Autorin: Angelika Thieme
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Zeitungsartikel aus dem Schwäbischen Tagblatt (2009)

Autor: Volker Rekittke

Wilde Wasserschlachten, romantisches Platanen-Techtel


Auf weißem T-Shirt prangt der schwarze Aufdruck „unsinkBAR“, nach vorn gebeugt paddelt die Stocherkahnbesatzung abwechselnd mit dem linken und dem rechten Arm. Beim Nadelöhr an der Neckarbrücke wird’s chaotisch: Anfeuerungsrufe von Neckarinsel und Brücke mischen sich mit gebrüllten Kommandos des Bootslenkers. Kähne laufen voll, Studenten gehen baden, alles drückt und schiebt – so wie jedes Jahr beim Tübinger Stocherkahnrennen.

Doch diese Perspektive ist ungewohnt: Mit ihrer Kamera ganz nah dran waren im Juni vergangenen Jahres die zwei Tübinger Amateurfilmer Heinrich Kern und Matthias Leyk. Herausgekommen ist die DVD „Wie ein Fluss Geschichte macht – Der Tübinger Neckar und das Stocherkahnrennen“.

Pressefoto Tagblatt

„Wir mussten viel basteln“, erinnert sich Kern. Weil das strenge Renn-Reglement einen neunten (Kamera-)Mann nicht zuließ, montierten sie in einem der Kähne eine Kamera auf einer Holzhalterung. Vor den spritzenden Neckarfluten geschützt wurde das Filmgerät mit einem selbstgebastelten Dach. Auch sonst war Erfindergeist angesagt: Die Tonaufnahmen zum Film wurden zu Hause gemacht, in einem improvisierten Tonstudio mit Matratzen als Schallschutz.

„Eigentlich wollten wir nur einen Film übers Stocherkahnrennen machen“, sagt Kern. Doch dann wurde das Projekt immer umfangreicher: Das Tübinger Stadtarchiv stellte historische Fotos und einen Super-8-Film aus den 1960er Jahren zur Verfügung. Bisher unveröffentlichte Fotos und Dokumente erhielten Leyk und Kern auch von Reiner Walz, einem der zwei Erfinder und Ausrichter des ersten Stocherkahnrennens 1956. Mit ihm, wie mit Tübingens OB Boris Palmer, machten die zwei Filmer Interviews, schauten zudem in die Rottenburger Zimmerei von Rudolf Raidt – in die einzige Stocherkahnwerkstatt in der Region.

Erste Kameraerfahrungen sammelte der 24-jährige Mechatroniker-Azubi Kern bei einer filmischen Reportage über den ökumenischen Schülertreff („Schüli“). Für das Stocherkahn-Projekt sprach er Matthias Leyk an. Der Geograph ist ebenfalls Amateurfilmer – und hatte während seiner zwölf Jahre als ehrenamtlicher Geschäftsführer der Höhlenrettung Baden-Württemberg schon viele Unterwasseraufnahmen in Höhlen gemacht. Außerdem ist Leyk selbst Stocherkahnfahrer, macht seit 1990 Fahrten für den Bürger- und Verkehrsverein und auf eigene Rechnung. Der 44-Jährige ist Mitglied im Stocherkahnverein und hat bereits ein Dutzend Mal selbst am Stocherkahnrennen teilgenommen.

Ein Jahr lang wurde gedreht. Der Aufwand, den die Hobbyfilmer dabei betrieben, war zeitweise beachtlich: Allein beim letztjährigen Stocherkahnrennen waren insgesamt neun Kameras im Einsatz. Zu Land, zu Wasser und sogar aus der Luft aus einem Ultraleichtflugzeug drehten Kern und Leyk über 25 Stunden Videomaterial. Daraus wurde auf der DVD der 42-minütige Hauptfilm sowie ein Bonus-Film zum Stocherkahnrennen 2008 – und der witzige, mit kleinen Animationen aufgepeppte 14-Minuten-Beitrag „Stocherkurs für Anfänger“.

Helmut Reichelt vom Stocherkahnverein erklärt, wie man mit Kahn und Stange links, rechts und vor allem geradeaus fährt. Außerdem wie man Sitzbretter stapelt, den Kahn leer schöpft und wie die Verkehrsregeln auf dem Neckar lauten: Es wird nach rechts ausgewichen, stromabwärts Fahrende haben Vorfahrt. Auf eigens von Zimmermann Raidt angefertigtem Kinder-Kahn demonstriert dazu der zwölfjährige Jonas, wie das ganze praktisch funktioniert. Den Kommentar zum Film sprach der Kunsthistoriker Karl Moritz Gruenbauer. Er half auch bei der Auswahl und Formulierung der Texte – „alles in ehrenamtlicher Arbeit“, sagt Kern.

Neckarhochwasser und abgesoffene Kähne

Auch, wenn die Stocherkähne und das letztjährige Rennen eindeutig im Mittelpunkt des Films stehen – der Filmbetrachter erfährt auch einiges über jenen Fluss, auf dem die Kähne fahren. 367 Kilometer misst der Neckar, dessen Name aus dem Keltischen stammt und „Wildes Wasser“ bedeutet. Dazu gibt’s Bilder von brauner Brühe, die sich beim Frühlingshochwasser durchs Flussbett ergießt – und von im Regen abgesoffenen Stocherkähnen, die von vielen Händen mühsam geborgen werden müssen.

Aus dem Tal glänzte die bläuliche Silberwelle

Ein wenig kitschig wird’s, wenn zu Morgennebel und Graureiher-Impression Friedrich Hölderlins Hommage „Der Neckar“ erklingt: „Und aus dem Tal, Wie Leben aus dem Freudebecher, Glänzte die bläuliche Silberwelle.“ Leicht klischeehaft auch die eingangs entlang der Zwingelmauer und über die Platanenallee lustwandelnde Studentin. Doch eindrucksvolle Bilder und interessante Infos rund um Stocherkahn und Neckar machen das mehr als wett. Inklusive Oberbürgermeisters Erinnerungen an jene „romantische Stimmung“ zwischen Platanen und ans Bussieren auf Bänken in wilden Jugendjahren.

Link: „Artikel auf der Hompage des Schwäbischen Tagblatts“